Dieser Beitrag liebt Dich! – Über die Emotionalisierung des Web

Sonntag, Juli 25, 2010 19:42

Dieser Beitrag liebt dichLiebe, Hass, Trauer, Verachtung, Freude – all das sind Emotionen, die mir in letzter Zeit häufiger im Web begegnen. Manchmal entsteht dabei der Eindruck, sie begegneten mir online sogar häufiger als in der Welt da draußen.

Herzlich willkommen bei meinem ersten Gastbeitrag im Deeblog und meiner Spurensuche nach einer neuen Emotionalität.

Alles begann wie so häufig mit einer beendeten Beziehung. Während ich noch damit beschäftigt war die Trennungslieder meiner Playlist zu twittern, war meine Ex so frei mir die MeinVZ-Freundschaft zu kündigen. Dabei verstehen wir uns eigentlich ganz gut. Was war geschehen? Die VZ-Netzwerke aktualisierten den Buschfunk und von einem Tag auf den anderen war ich nach jedem Login präsent. Inklusive meiner 30 Trennungsschmerz-Tweets pro Stunde. Nachdem ich meine Verwunderung darüber per Twitter kund tat passierte trotzdem etwas merkwürdiges: Ein Anruf. Man würde mich ja immernoch sehr schätzen, ertrüge aber den Trennungsschmerz-Quatsch ebensowenig wie die getwitterten Stati meiner neuen Dates. Das klang halbwegs nachvollziehbar. War ich ein Opfer der inflationär emotionalisierten Veröffentlichungswut geworden, die gerade um sich greift?

Ja, das war ich. Offenbar geht es dabei nicht nur mir so. Man muss sich nur mal im eigenen Twitter-Stream umzuschauen um zu sehen, dass die neuen SocialMedia-Auswüchse zu einer Veröffentlichung von Stimmungen führen, die man so vermutlich nicht in die Welt posaunen würde. Zumal man sich in der neuen Öffentlichkeit Menschen preisgibt, die man teilweise nie zuvor gesehen hat. Plötzlich kennen die eigenen Kunden die Stimmungslage oder die Ex erfährt von den Dates, die man kurz zuvor abgestritten hat. Nun scheinen mir im SocialWeb die Regeln etwas verdreht zu sein. Stellen wir uns einfach vor, jemand ruft über die Straße:

Ich bin Single, ich bin unglücklich und wenn ich gleich zu Hause bin lege ich Thomas D. und Nina Hagen mit “Solo” auf.

Würden wir ihn nicht als Spinner abtun?

Was mich besonders an diesem Themenkomplex interessiert ist: Wo kommen diese neuen Regeln her? Bevor mir im Frühling das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Twitteruser zur Paarungszeit auffiel, war ich der festen Ansicht, dass das neue Web nicht einfach eine Erweiterung unserer Existenz ist. Also kein neues Kommunikationsmittel, sondern elementarer Bestandteil des Lebens selbst. Zumindest wenn man als Forschungobjekt diejenigen heranzieht, die man gemeinhin als Digital Natives bezeichnet. Doch die Wirklichkeit scheint mir anders auszusehen. Denn die Diskrepanz zwischen dem Leben in einem SocialNetwork und dem was in der Welt da draußen abgeht ist teilweise enorm.

Eine meiner Thesen dazu lautet: zwischenmenschliche SocialMedia Beziehungen neigen zur Unverbindlichkeit. Besonders dann, wenn man Personen über eine Timeline anspricht. Die Masse der virtuellen Freunde und Verfolger ist derat groß, dass eine veröffentlichte Stimmungslage auch dann nicht als direkte Ansprache gewertet wird, wenn ein kleines @ davor steht. “Mir geht es schlecht” in die Runde zu rufen dient dann mitunter der Selbstbestätigung. Dem Verursacher dieses Gefühls wird vor Augen geführt, war er angestellt hat, während andere darüber disskutieren, ohne wirklich zu wissen worum es geht. Ich finde das Partysynonym hier gar nicht so unpassend.

Was mich noch interessiert: habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Verführt Euch das SocialWeb zu Äußerungen, die sonst nur in alkoholgeschwängerten SMS zu finden sind?

Zum Abschluss noch ein kleiner Hinweis für Verfolger der neuen Emotionalität: Frank Tentler sammelt im Twitter-Account “tweelings” alles, was es bei Twitter zum Thema Liebe und Hass zu finden gibt.

Jakob Zogalla, alias Hathead ist derzeit Gastautor bei Deeblog. Er ist Java-Softwareentwickler und bloggt sonst auf buildblog und bei rankingCHECK und twittert hier.

Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen trackback von deiner Seite setzen.

2 Kommentare zu “Dieser Beitrag liebt Dich! – Über die Emotionalisierung des Web”

  1. Lesenswert – Ich woanders | buildblog sagte:

    Juli 28th, 2010

    [...] Deeblog – Dieser Beitrag liebt Dich – Über die Emotionalisierung des Web [...]

Schreiben Sie einen Kommentar

granny bit torrent aston martin db9 loan mortgage calculator mortgage loan calculator wordpress themes