Rammstein – Makaber oder Genial?
Veröffentlicht am | November 10, 2009 | 1 Kommentar
Rammstein – Liebe ist für alle da
Am Ende des Monats ist es wieder möglich ein Rammsteinalbum zu kaufen. Nach jahrelangem Warten bittet die Gruppe um Frontmann Till Lindemann zu Tisch. Serviert wird ein makaberes Cover und dazu gibt es 11 geladene Tracks, die auf den ersten Blick nicht wirklich einzuorden sind. Auch nach dem zweiten nicht. Nach dem Debakel mit dem Ticketverkauf über den Webeigenen Fanshop, der kurz nach bekannt werden abgestürzt ist, kommt man nicht drum herum sich die Frage zu stellen, ob das neue Werk ‘makaber’ oder doch ‘genial’ zu werten ist.
So hier eine kurze Trackanalyse
01. RAMMLIED (05:19)
Rammlied startet mit einem langen Intro, welches Till mit einem Redesang untermalt. “Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit. Nun das Warten hat ein Ende, leiht euer Ohr einer Legende.” Gefolgt von brachialem Gitarrensound und den Worten Ramm-stein. Es ist thematisch ähnlich aufgebaut, wie andere Songs der Band: “Bist du einsam und allein, wir sind hier, schalte ein Rammstein.” Die Band präsentiert sich hier als der Sektenführer, welchen sie auch schon während der Promo im Sinne von LIFAD propagiert hat – natürlich, ohne den Namen Rammstein jemals benutzt zu haben. Das lied ist textlich absolut stimmig und reißt total mit.
Wer die Single kennt, kennt auch Rammlied. Darum war das Lied nicht wirklich eine Überraschung für mich. Es ist ebenfalls auf der Single vertreten.
Rammlied ist soundtypisch für die Band, gefällt mir also. Der Text wiederum liegt deutlich über dem durchschnittlichen Rammstein-Text. Die Stelle “Ein Weg, ein Ziel, ein Motiv, Rammstein. Eine Richtung, ein Gefühl, aus Fleisch und Blut, ein Kollektiv” und der daran anknüpfende Gitarren-Part überzeugen sehr. Darum 7/10.
02. ICH TU DIR WEH (05:02)
Live soll dieses Lied nach Aussagen anderer Fans wohl ziemliches Potential haben. Viele halten es für das beste Stück der Platte. Wir hören ein Intro mit Flakes Synthesizer, gefolgt von einem treibendem Riff. “Nur für mich bist du am Leben, ich steck dir Orden ins Gesicht.” Der Refrain wird von Till in einer ‘gesanglicheren’ Stimme gesungen (wie wir es schon von neueren Alben gewohnt sind). Ich kann dem in diesem Fall wenig abgewinnen. Meiner Ansicht nach hat das Lied nichts besonderes. Es klingt immernoch nach Rammstein und auch nicht nach Rosenrot. Aber trotz allem hat es für mich nicht den Kick, den andere Lieder auf diesem Album mitbringen. Es ist nichts besonderes. Deshalb 6/10.
03. WAIDMANNS HEIL (03:33)
Startet gleich mit einer Horde von Bläsern, die passend zum Titel eine Melodie loslassen, welche anschließend in das Riff des Songs mündet. Absolut genial! Auch hier haben wir wieder einen tempovollen Track, mit einem überzeugenden Refrain. Tills Stimme wird nur vom Schlagzeug begleitet: “Auf dem Lande auf dem Meer lauert das Verderben, die Kreatur muss sterben” Später reiht sich hier noch ein “Waidmanns Heil” ein. Der Song überzeugt mit seinem angezogenem Tempo, einer ungewohnten Gesangsmelodie im Refrain und seinem absolut wirren Text, der sich mir noch nicht so ganz entschlüsseln will. Darum: 8/10.
04. HAIFISCH (03:45)
Hat einen ganz fiesen Bues-Einfluss, welcher mir von vorne bis hinten nicht gefallen will. Da kann ich ihm noch so oft eine Chance geben wollen, daran ändert sich nichts. Textlich ist der Track nichtmal verkehrt, aber… Nein. Meinen Geschmack trifft dieses Lied absolut nicht. Ich würde fast soweit gehen, zu sagen, dass es für mich das schlechteste Lied der Band ist. Und das war bisher eigneltich immer “Stirb Nicht Vor Mir”. Darum 2/10.
05. B******** (04:15)
Was steckt nur hinter den Sternchen? Ganz einfach: Bückstabü. Ein Neologismus aus der Feder der Jungs, welchen sie in einem Interview als ein Synonym für Verlangen, Sucht und ungezügelte Triebe beschreiben. Textlich passt das auch verdammt gut zusammen. “Stimmen flüstern hinter dem Gesicht, die da sagen, tu das nicht, lass das sein, fass das nicht an, sag einfach nein”. Es ist eine perfekte Mischung aus Ruhe und Lautstärke. Till setzt seine Stimme absolut passend ein. Lediglich der Refrain haut mich jetzt nicht so vom Hocker. “Bückstabüüü! Hol ich mir!” – da geht definitiv mehr. Darum 8/10.
06. FRÜHLING IN PARIS (04:45)
Hier kommen wir zum ersten ruhigeren Song des Albums. Till singt hier mit der sanftesten Stimme, die er in petto hat. Über den Inhalt des Liedes kann man streiten. Der Text ist sehr facettenreich, was eine eindeutige Interpretation außerordentlich schwierig macht. Fest steht: Der Text bezieht sich auf sexuelle Praktiken. Aber auf eine wirklich sanfte, liebevolle Art. Man muss die Melodie gehört haben, um zu verstehen, was ich meine. Meine liebste Stelle: “Wenn ich ihre Haut verließ, der Frühling blutet in Paris.” Gekoppelt mit dieser unendlich schönen Melodie zaubert mir das Lied eine Gänsehaut auf den Körper und Tränen in die Augen. Beim ersten Mal hören war ich absolut geflasht von dem, was es in mir ausgelöst hat. Da gibt es nichts zu bemängeln. Selbst das Tempo wird zum Finale hin etwas angezogen, was besonders das Ende des Liedes unglaublich macht. Perfekt, einfach nur perfekt. 10/10.
07. WIENER BLUT (03:53)
Schon am Titel erkennt man, wo man dieses Lied zuordnen kann: Der Fall aus Amstetten: Josef Fritzl. Hier sprechen Rammstein wieder ein sehr prekäres Thema an, was man von den Jungs aber auf er anderen Seite schon gewohnt ist (Mein Teil, zum Beispiel). Der Track beginnt mit Streichern, welche in eine unbehagliche Melodie übergehen. Im Hintergrund, zwischen Melodie und Text hört man immer wieder seltsame Geräusche, welche sich schon beim ersten Hören in meinen Kopf gebrannt haben. Es klingt.. gruselig. Unbeschreiblich. Till singt gewohnt provokant: “Komm mit mir, komm auf mein Schloss, da wartet Spaß im Tiefgeschoss.” Kurz drauf folgt die Stelle: “Ja das Paradies liegt unterm Haus, die Tür fällt zu, das Licht – geht aus.” Der Spannungsbogen wird hier nahezu unerträglich. Tills Text wird im folgenden immer mit einem kurzen Riff unterbrochen und mündet dann in einen vor Aggression und Hass triefenden Refrain! Wow! Strophe und Refrain bilden auch hier einen Gegensatz, der sich besser nicht ergänzen könnte. Vom Text her ist es absolut hart: “Und bist du manchmal auch allein, ich pflanze dir ein Schwesterlein” oder “Die Haut so jung, das Fleisch so fest, unter dem Haus ein Liebesnest”. Auch lyrische Wortspiele sind vertreten: “Ich bin bei dir und halte dich, ich halte dich in der Dunkelheit”. Dies wäre auch wieder eines der Lieder, die ich euch wärmstens, wärmstens ans Herz legen würde! Wen wundert es, 10/10.
08. PUSSY (04:00)
Zugleich auch die erste Auskopplung des Albums. Mit Video und allem. Dieses wurde ja schon durch die Medien heiß diskutiert. Im Grunde handelt der Song von Sextourismus. Teilweise wird der Song auf Englisch gesungen. Tills Englisch ist wie immer grausig und ich bin der Meinung, dass er textlich auch schonmal fitter war. Der Name ist auch nicht wirklich der Knaller. Allgemein ist der ganze Song zu provokant, um wirlich von Rammstein zu sein. Die Melodie allerdings fetzt mir die Ohren weg. Ich liebe die Bridge, allgemein ist der Song wirklich ein Ohrwurm. Vielleicht ist es zu poppig für Rammstein. Der Song wirkt nach Außen, als wolle er nicht nur Deutschland sondern die ganze Welt bedienen. Und dann diese offensive Provokation. Ich denke da nur an einen Poster aus einem Forum, der sagte: “Was ist mit Mann Gegen Mann? Oder Mein Teil?” – genau das ist es. Rammsteins art, subtil um den heißen Brei herumzuschlawänzeln, gerade das war es doch, was so unwahrscheinlich genial war. Wobei man hier wieder sagen muss, dass Till generell nicht offenkundig nennt, worum es in dem Song geht. Das sieht man auch nur wieder zwischen den Zeilen. Insofern ist sich die Band dort auch wieder treu geblieben. Rammstein-würdig ist es allemal, sie spielen wieder im typischen Sound und der eingängige Refrain plus der oben zitierten Textstelle plus der Bridge hauen einiges wieder raus! Und darum 9/10.
09. LIEBE IST FÜR ALLE DA (03:26)
Wer das Drama damals mitbekommen hat, der weiß, dass das Lied lange vor der Veröffentlichung im Netz aufgetaucht ist. Trotzdem macht es den Song nicht weniger energiegeladen. Er handelt von einem Menschen, der in der Realität anscheinend nicht gerade ein Womanizer ist. “Ich mach die Augen zu, dann seh ich sie. Ich sperr sie ein, in meiner Fantasie.” Und genau dort kann er mit ihr machen, was er will. Liebe ist eben für alle da! Der Refrain schwächelt etwas, auch wenn der Rest des Songs wirklich richtig gut abgeht. Das Riff ist absolut brachial, der Text fantastisch. Deshalb gibts 9/10.
10. MEHR (04:09)
Kommen wir hier zu meinem Lieblingssong des kompletten Albums. Melodisch übrezeugt der Track mehr, als jedes andere auf LIFAD. Der Unterschied von Refrain und Strophe ist wieder etwas deutlicher, aber in keinem Fall unpassend. Till singt von einem Nimmersatt, der “mehr” will. Immer mehr. Vom Inhalt und der Thematik vielleicht keine Meisterleistung, aber in Verbindung mit der Melodie ein kompletter Ohrgasmus. Das Finale des Songs beinhaltet eine komplett neue Melodie, die sowohl überrascht, als auch vollkommen überzeugt. Tills stimme harmoniert perfekt. Ich kann dieses Lied nicht genug loben. Es ist einfach grandios!
11. ROTER SAND (03:59)
Das letzte Lied ist absolut ruhig. Es beginnt mit einer gepfiffenen Melodie. Im Grunde geht es um ein Duell, wer schießt schneller. Es geht um eine Frau. Mich erinnert das Ganze ein bisschen an das Duell in Effi Briest. Der Protagonist, aus dessen Sicht Till singt, ist der Verlierer. Hier paart sich eine wunderschöne Melodie mit einem sehr gefühlvollen Text. Wer Balladen generell nicht mag, wird auch mit dieser nicht viel anfangen können. Mich hat sie relativ schnell überzeugt. 10/10.
Obwohl ich nicht vorhatte mir das Album, nach der derben Enttäuschung beim Kartenverkauf, zu kaufen, muss ich nun doch eingestehen, dass es das Geld wert war und ist. Somit ist kurzum zu sagen, dass das Album “Liebe ist für alle da
” ebenso ‘makaber’ wie genial ist – eben ein typisches aber etwas härteres Rammsteinalbum.
Fazit: unbedingt kaufen!
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Kommentare
Eine Antwort zu “Rammstein – Makaber oder Genial?”
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November 11th, 2009 @ 17:42
Wahnsinn! Ich liebe dieses Album, und die Trackanalyse ist echt genial. Super Arbeit. Hoffe es folgenden weitere Reviews zum Genre Metal oder Rock. Habe den Artikel ‘Music for life’ gelesen. Interessant geschrieben und coole Videos, obwohl ich normalerweise nicht auf Musik dieser Art stehe.
Coole Seite ansonsten – werde öfter mal lesen kommen!
Liebe Grüße aus Hamburg
Christian
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